Lesenswert: „Deutschland, was tust du? Dein Klima-Nationalismus wird der Welt nicht helfen“

Ein Rückblick, der Artikel ist schon über einen Monat her, umso interessanter ist er. Das was hier von Prof. Dr. Rademacher geschrieben wird, können wir uns als BI uneingeschränkt als Motto auf die Fahnen schreiben. Auch als „Basiswissen“ für den geplanten „Runden Tisch“ in Blieskastel, an dem der Windkraftausbau im Bliesgau/Blieskastel zementiert werden soll. Mit diesem Artikel wäre eigentlich fast alles gesagt. Den Inhalt dieses Focus-Gastbeitrags von Prof. Dr. Rademacher sollten sich potentielle „Runde-Tisch-Experten“ für den geplanten Runden in Blieskastel verinnerlichen und darüber nachdenken – natürlich alle anderen Interessierten auch. Ach so. Auch das ist Wissenschaft. Wissenschaft ist Diskurs. Ist die Sammlung menschlichen Wissens, der Versuch, mit Theorien die Wirklichkeit abzubilden, aus erforschter Erkenntnis, Erfahrung, sie wird dynamisch erweitert, verworfen, gelehrt, diskutiert und tradiert.
Wir geben diesen, wir wir finden, sehr guten Artikel deshalb hier als Text in Gänze wieder.
Quelle: („Focus“ Artikel vom 19-4-21 zum „World Earth Day“ am 22-4-21), Link:
https://www.focus.de/perspektiven/entwicklung-foerdern-klima-schuetzen/world-earth-day-wie-wir-den-klimawandel-noch-aufhalten-koennen_id_13191227.html

Der Focus schreibt:
„Deutschland fokussiert sich im Kampf gegen den Klimawandel zu sehr auf nationale Ziele. Die sind im globalen Kontext jedoch nahezu irrelevant. Das meint zumindest Klima-Experte Franz Josef Rademacher und fordert daher zum Umdenken auf.

Und weiter im Artikel:
Das Thema Klimaschutz ist extrem komplex. Die weltweiten CO2-Emissionen wachsen weiter. Der Paris-Vertrag beinhaltet zwar ambitionierte Zielsetzungen, aber keine dazu passenden Verpflichtungen und Maßnahmen. Die negative Dynamik im Klimabereich resultiert aus den nachvollziehbaren wirtschaftlichen Bestrebungen vieler ärmerer Länder in Richtung eines nachholenden Wohlstands. China gibt erfolgreich die Richtung vor, emittiert aber in der Folge ein Drittel der weltweiten CO2-Emissionen und erhöht diese weiter. Die Weltbevölkerung wächst parallel dazu mit hohem Tempo. Bis 2050 werden etwa 2,5 Milliarden Menschen hinzukommen, jedes Jahr einmal Deutschland. Die deutsche und europäische Klimapolitik beschäftigen sich mit diesen Themen nicht. Wir sind einzig mit der Absenkung unserer eigenen CO2-Emissionen beschäftigt. Für das Weltklima ist das weitgehend irrelevant, kostet aber all unsere Aufmerksamkeit und enorme finanzielle und intellektuelle Ressourcen. Wir setzen voll auf Elektromobilität, nicht auf klimaneutrale synthetische Kraftstoffe für PKWs, u. a. für die weltweite Bestandsflotte. Atomkraft wird pauschal abgelehnt ebenso wie die Abscheidung und Nutzung von CO2 aus Industrieanlagen und Kohlekraftwerken.

„Synthetische Energiequellen sind eine echte Alternative“

„Gäbe es Alternativen? Ja, denn Deutschland ist ein Hightech-Land und die Welt braucht neue technische Lösungen. Riesige Mengen preiswerter grüner Strom aus den großen Sonnenwüsten, grüner Wasserstoff als ein Folgeprodukt aus diesen Regionen, daraus abgeleitet synthetische Energieträger wie Methanol und Methan für den Einsatz überall auf der Welt würden die Lage total verändern. Siemens Energy und Porsche verfolgen diesen Weg gerade in dem Projekt Haru Oni in Chile. Interessant ist in diesem Kontext auch die Recyclierung von CO2 aus Kraftwerken und Industrieanlagen und deren Umbau hin zur Klimaneutralität unter Nutzung von grünem Methanol und Methan als Energiequelle. Zu den hoffnungsvollen Ansätzen zählt auch die Allianz für Entwicklung und Klima des BMZ. Ziel ist es, dass Unternehmen, Privatpersonen, Städte freiwillig kluge Projekte für Entwicklung und Klimaschutz in den ärmeren Teilen der Welt fördern. Jeder kann hier mitmachen. Besonders wirkungsvoll sind natur-basierte Lösungen, also Wiederaufforstung auf degradierten Böden in den Tropen, konsequenter Regenwaldschutz, Humusbildung in der Landwirtschaft etc. Aber auch dieser Ansatz wird bis heute nicht in großer Breite verfolgt. So manche Stimme sieht darin sogar einen „Freikauf“. Ihnen geht es vor allem darum, dass alles Geld, das für Klimaschutz ausgegeben wird, in Deutschland verbleibt – für grüne Projekte. Dass auf diese Weise eine Weltklimakatastrophe nicht verhindert werden kann, ist offensichtlich. Denn die zentralen Gerechtigkeitsfragen zwischen Nord und Süd werden weiter ausgeklammert, inzwischen seit 50 Jahren. Das muss sich dringend ändern, wenn die Klimakatastrophe noch verhindert werden soll.

[Der Autor:
Autor: Prof. Dr. Franz Josef Radermacher ist Professor (em.) für „Datenbanken und Künstliche Intelligenz“ an der Universität Ulm, gleichzeitig Vorstand des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung/n (FAW/n) Ulm, Vizepräsident und Ehrenpräsident des Senats der Wirtschaft e. V., Bonn, Vizepräsident des Ökosozialen Forum Europa, Wien sowie Mitglied des Club of Rome. Seit August 2018 ist er außerdem Mitglied im Österreichischen Rat für nachhaltige Entwicklung sowie Jurymitglied bei BWS Nachfolger-Forum.]

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